In einem Zeitungsbericht aus dem Jahre 1937 erzählt Lehrer Schwarz von einem denkwürdigem Ereignis, das ganz Borsdorf in Atem hielt.
Mehr als
dreißig Jahre hatte der Hahn droben auf der Kirchturmspitze gesessen. Allzeit war er ein zuverlässiger Wetterprophet gewesen. Doch seit dem letzten Gewitter, das übers Dörflein gebraust war, wollte er sich nicht mehr mit der Wettervorhersage befassen. Da standen denn die Bauern am Abend auf der Dorfstraße und schauten hinauf nach dem alten Freund, der immer in die gleiche Richtung blickte.
Am liebsten hätten sie ihn dahin gewünscht, wo der Peffer wächst, da er stets "Schönwetter" ankündigte, obwohl manchmal der Bindfadenregen kein Ende nahm.
Das konnte unmöglich so weiter gehen. Es mußte Abhilfe geschaffen werden. "Der Dachdecker aus Nidda muß herbei",
so hatten's Gemeinde und Kirchenvorstand beschlossen, "und muß dem Drehpeter da oben ein bißchen nachhelfen, damit wieder Verlaß auf ihn ist".
Das ganze Dörflein war auf den Beinen, als die Turmbesteigung vorgenommen werden sollte.
"Ach was , anbinden-das geht auch so", meinte der junge Meister.
Höher und höher gings!
Da stand er nun auf dem unteren Kranze, der die Turmspitze abschließt.
Jetzt folgte eine kleine Kletterpartie auf die Kugel, die allerlei wertvolle Schriftstücke aus der Vergangenheit birgt. Nun reckt und streckt sich August Aßmus um den Widerspenstigen zu fassen.
Doch er ist wenige Zentimeter zu klein, um ihn richtig packen zu können. Schon verdecken einige Frauen auf der Strasse ihre Gesichter mit den Schürztüchern, weil sie dem Waghals nicht mehr zuschauen können. Ein neues Aufbäumen, und erschein ihn zu haben. Ja - nein - der Hahn stürzt mit einem gewaltigen Bogen in die Tiefe.
Der Meister - schon folgt ein lauter Aufschrei von der Strasse her - aber umklammert krampfhaft das grosse Eisenkreuz, auf dem der Wettermacher thronte und folgt ihm nicht. Wohl zerstörte der fallende Riesenvogel ein Dachfenster und erlitt allerlei Beschädigungen an seinem goldglänzenden Körper, aber er mußte wieder an seinen Platz.
Nun soll man nicht denken, daß unser Dachdecker nach diesem Vorfall sich nicht mehr in die luftige Höhe gewagt hätte. Als alle Schäden behoben waren, brachte er den Widerspenstigen wieder richtig an seinen Platz und verpflichtete ihn feierlichst nach diesem ungewöhnlichen Zwischenspiel, doch fürhin seine Aufgabe getreulich zu erfüllen.
Und seit diesem Tage kündet er nun allen, die trotz allen übrigen Wettermeldungen auf ihn fest vertrauen, rechtzeitig alle Änderungen in der Wetterlage an.
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